Harry Potter und der Gefangene von Askaban

                                                                                                                                                                                                
    1. Kapitel
 

   Tante Magdas großer Fehler
 
 
 
 
 

   Als Harry am nächsten Morgen zum Frühstück hinunterging, saßen die drei Dursleys schon am
   Küchentisch. Sie starrten auf den Bildschirm eines brandneuen Fernsehers, eines
   Willkommen-in-den-Ferien-Geschenks für Dudley, der sich fortwährend lauthals über den langen
   Weg zwischen dem Kühlschrank und dem Fernseher im Wohnzimmer beschwert hatte. Dudley hatte
   den größten Teil des Sommers in der Küche verbracht, die kleinen Schweinchenaugen wie auf den
   Bildschirm geklebt und mit wabbelndem fünflagigen Kinn ununterbrochen kauend.

   Harry setzte sich zwischen Dudley und Onkel Vernon, einem großen, fleischigen Mann mit sehr
   wenig Hals und einer Menge Schnauzbart. Keiner der Dursleys nahm Notiz davon, dass Harry in die
   Küche gekommen war, geschweige denn, dass ihm einer zum Geburtstag gratuliert hätte. Er nahm
   sich eine Scheibe Toast und sah hoch zum Fernseher, wo der Nachrichtensprecher gerade von
   einem Ausbrecher berichtete ...

   "... die Polizei warnt die Bevölkerung. Black ist bewaffnet und äußerst gefährlich. Eine eigene
   Notrufnummer wurde eingerichtet und jeder Hinweis auf Black sollte umgehend gemeldet werden."

   "Dass der ein Verbrecher ist, brauchen sie uns nicht erst zu sagen", schnarrte Onkel Vernon und
   starrte über seine Zeitung hinweg auf das Bild des Flüchtigen. "Seht euch mal an, wie der aussieht,
   ein dreckiger Rumtreiber! Und diese Haare!"

   Er warf Harry einen gehässigen Seitenblick zu, dessen strubbeliges Haar ihn immer von neuem
   ärgerte. Verglichen mit dem Mann im Fernsehen jedoch, dessen ausgemergeltes Gesicht umwuchert
   war von verfilztem, ellbogenlangem Gestrüpp, kam sich Harry durchaus gepflegt vor.

   Wieder erschien der Nachrichtensprecher.

   "Das Landwirtschafts- und Fischereiministerium gibt heute bekannt, dass -"

   "Ist doch nicht zu fassen!", bellte Onkel Vernon und starrte den Sprecher wütend an, "du hast uns
   nicht gesagt, wo dieser Verrückte ausgebrochen ist! Was soll das? Der Wahnsinnige könnte doch
   jeden Augenblick die Straße entlangkommen!"

   Tante Petunia, knochig und pferdegesichtig, wirbelte herum und schaute konzentriert aus dem
   Küchenfenster. Harry wusste, dass Tante Petunia nichts lieber tun würde, als den Notruf
   anzuläuten. Sie war die neugierigste Frau der Welt und verbrachte den größten Teil ihres Lebens
   damit, die langweiligen, gesetzestreuen Nachbarn auszukundschaften.

   "Wann werden die es endlich kapieren", sagte Onkel Vernon und schlug mit seiner großen
   purpurroten Faust auf den Tisch, "dass Aufknüpfen das einzige Rezept gegen solches Pack ist?"

   "Wie wahr", sagte Tante Petunia, die immer noch die Bohnenstangen nebenan taxierte.

   Onkel Vernon nahm den letzten Schluck aus seiner Teetasse, warf einen Blick auf die Uhr und fügte
   hinzu: "Am besten, ich geh gleich, Petunia, Magdas Zug kommt um zehn an."

   Harry, in Gedanken eben noch oben bei seinem Besenpflege-Set, fiel schmerzhaft aus allen Wolken.

   "Tante Magda?", sprudelte es aus ihm heraus. "D-die - die kommt doch nicht etwa zu uns?"

   Tante Magda war Onkel Vernons Schwester. Zwar war sie keine Blutsverwandte von Harry (dessen
   Mutter Tante Petunias Schwester gewesen war), doch man hatte ihn gezwungen, sie die ganze
   Zeit "Tante" zu nennen. Tante Magda lebte auf dem Land, in einem Haus mit großem Garten, wo sie
   Bulldoggen züchtete. Sie kam nur selten in den Ligusterweg, weil sie es nicht übers Herz brachte,
   ihre wertvollen Hunde allein zu lassen, doch jeden ihrer Besuche hatte Harry in schrecklich
   lebendiger Erinnerung.

   Beim Fest zu Dudleys fünftem Geburtstag hatte Tante Magda Harry mit ihrem Gehstock auf die
   Schienbeine gehauen, damit er Dudley nicht mehr beim Bäumchen-wechsel-dich-Spiel schlug. Ein
   paar Jahre später war sie zu Weihnachten mit einem funkgesteuerten Senkrechtstarter für Dudley
   und einem Karton Hundekuchen für Harry aufgetaucht. Bei ihrem letzten Besuch war Harry
   versehentlich ihrem Lieblingshund auf den Schwanz getreten. Ripper hatte Harry hinaus in den
   Garten und einen Baum hoch gejagt und Tante Magda hatte sich bis nach Mitternacht geweigert,
   ihn zurückzupfeifen. Wenn Dudley sich daran erinnerte, brach er vor Lachen immer noch in Tränen
   aus.

   "Magda wird eine Woche bleiben", schnarrte Onkel Vernon, "und wenn wir schon beim Thema sind" -
   er deutete mit einem fetten Finger drohend auf Harry - "sollten wir einiges klarstellen, bevor ich sie
   abholen gehe."

   Dudley grinste hämisch und wandte den Blick von der Mattscheibe ab. Sein liebster Zeitvertreib
   war, zu beobachten, wie Harry von Onkel Vernon schikaniert wurde.

   "Erstens", knurrte Onkel Vernon, "hältst du deine Zunge im Zaum, wenn du mit Magda sprichst."

   "Gut", sagte Harry bitter, "wenn sie es auch tut."

   "Zweitens", sagte Onkel Vernon und tat so, als hätte er Harrys Antwort nicht gehört, "da Magda
   nichts von deiner Abnormität weiß, will ich nicht, dass irgendwas Komisches passiert, während sie
   hier ist. Du benimmst dich, verstanden?"

   "Wenn sie es auch tut", sagte Harry zähneknirschend.

   "Und drittens", sagte Onkel Vernon, die gemeinen kleinen Augen waren jetzt Schlitze in seinem
   großen purpurnen Gesicht, "haben wir Magda gesagt, du würdest das
   St.-Brutus-Sicherheitszentrum für unheilbar Kriminelle Jungen besuchen."

   "Was?", schrie Harry.

   "Und du bleibst bei dieser Geschichte, Bursche, oder du kriegst Schwierigkeiten", fauchte Onkel
   Vernon.

   Zornig und mit bleichem Gesicht starrte Harry Onkel Vernon an. Er konnte es nicht fassen. Tante
   Magda kam für eine Woche zu Besuch - das war das furchtbarste Geburtstagsgeschenk, das er je
   von den Dursleys bekommen hatte, verglichen selbst mit Onkel Vernons alten Socken.

   "Nun, Petunia", sagte Onkel Vernon und erhob sich schnaufend, "ich fahre jetzt zum Bahnhof. Kleine
   Ausfahrt gefällig, Dudders?"

   "Nein", sagte Dudley, der seine Aufmerksamkeit jetzt, da Onkel Vernon aufgehört hatte, Harry zu
   tyrannisieren, wieder dem Fernseher zugewandt hatte.

   "Diddy muss sich für Tantchen fein herausputzen", sagte Tante Petunia und strich über Dudleys
   dichtes Blondhaar. "Mamchen hat ihm eine wunderschöne neue Fliege gekauft."

   Onkel Vernon klopfte Dudley auf die fette Schulter.

   "Also bis gleich", sagte er ging hinaus.

   Harry, der in eine Art grauenerfüllte Trance versunken war, fiel plötzlich etwas ein. Er ließ seinen
   Toast liegen, stand rasch auf und folgte Onkel Vernon zur Haustür.

   Onkel Vernon zog seinen Mantel an.

   " Dich nehm ich nicht mit", schnarrte er, als er sich umwandte und Harry erblickte.

   "Will ich auch nicht", sagte Harry kühl. "Ich möchte dich was fragen."

   Onkel Vernon beäugte ihn misstrauisch.

   "Drittklässler in Hog..., auf meiner Schule dürfen hin und wieder ins Dorf", sagte Harry.

   "Ach?", blaffte Onkel Vernon und nahm die Wagenschlüssel vom Haken neben der Tür.

   Rasch setzte Harry nach. "Du musst die Einverständniserklärung für mich unterschreiben", sagte er.

   "Und warum sollte ich das tun?", höhnte Onkel Vernon.

   "Nun ja", sagte Harry und wog sorgfältig seine Worte ab, "es wird ein hartes Stück Arbeit sein,
   gegenüber Tante Magda so zu tun, als ob ich in dieses St. Wasweißich ginge - "

   "St.-Brutus-Sicherheitszentrum für unheilbar Kriminelle Jungen!", bellte Onkel Vernon, und Harry
   freute sich, einen deutlichen Anflug von Panik in seiner Stimme zu hören.

   "Genau", sage Harry und sah gelassen hoch in Onkel Vernons großes, rotes Gesicht. "Ich muss mir
   eine Menge merken. Außerdem soll es sich ja überzeugend anhören, oder? Was, wenn mir aus
   Versehen etwas rausrutscht?"

   "Dann prügle ich dir die Innereien raus!", polterte Onkel Vernon und trat mit erhobener Faust auf
   Harry zu. Doch Harry ließ nicht locker. "Die Innereien aus mir herauszuprügeln wird Tante Magda
   auch nicht vergessen lassen, was ich ihr gesagt haben könnte", sagte er verbissen.

   Onkel Vernon, die Faust immer noch erhoben, erstarrte. Sein Gesicht hatte ein hässliches Braunrot
   angenommen.

   "Aber wenn du meine Einverständniserklärung unterschreibst", fuhr Harry rasch fort, "schwöre ich,
   dass ich nicht vergesse, wo ich angeblich zur Schule gehe, und ich führe mich auf wie ein Mug...,
   als ob ich normal und alles wäre."

   Harry entging nicht, dass Onkel Vernon noch einmal über die Sache nachdachte, auch wenn er die
   Zähne gefletscht hatte und eine Vene auf seiner Schläfe pochte.

   "Schön", blaffte er endlich. "Ich werde dein Verhalten während Tante Magdas Besuch scharf
   überwachen. Wenn du am Ende nicht die Grenze überschritten hast und bei der Geschichte
   geblieben bist, unterschreibe ich dein beklopptes Formular."

   Abrupt drehte er sich um, öffnete die Haustür und schlug sie mit solcher Wucht hinter sich zu, dass
   eine der kleinen Glasscheiben am oberen Türrand herausfiel.

   Harry kehrte nicht in die Küche zurück. Er ging nach oben in sein Zimmer. Wenn er sich wie ein
   echter Muggel aufführen musste, dann fing er am besten gleich damit an. Widerwillig und traurig
   sammelte er all seine Geschenke und Geburtstagskarten ein und versteckte sie unter dem losen
   Dielenbrett, zusammen mit seinen Hausaufgaben. Dann ging er hinüber zu Hedwigs Käfig. Errol hatte
   sich offenbar erholt; er und Hedwig schliefen mit den Köpfen unter den Flügeln. Harry seufzte und
   stupste sie beide wach.

   "Hedwig", sagte er niedergeschlagen, "du musst für eine Woche verschwinden. Flieg mit Errol, Ron
   wird sich um dich kümmern. Ich geb dir eine Nachricht für ihn mit. Und schau mich nicht so an" -
   Hedwigs große, bersteinfarbene Augen blickten vorwurfsvoll - "es ist nicht meine Schuld. Das ist die
   einzige Möglichkeit, die Erlaubnis zu kriegen, mit Ron und Hermine nach Hogsmeade zu gehen."

   Zehn Minuten später flatterten Errol und Hedwig (der Harry einen Zettel für Ron ans Bein gebunden
   hatte) aus dem Fenster und waren bald auf und davon. Harry, dem nun ganz und gar elend war,
   räumte den leeren Käfig in den Schrank.

   Doch er hatte nicht lange Zeit zum Grübeln. Schon kreischte Tante Petunia unten am Fuß der
   Treppe, Harry solle herunterkommen und sich bereit machen, den Gast zu begrüßen.

   "Mach was mit deinen Haaren", schnappte Tante Petunia, als er im Flur ankam.

   Harry sah nicht ein, warum er versuchen sollte, sein Haar glatt zu kämmen. Tante Petunia krittelte
   doch liebend gern an ihm herum, und je zerzauster er aussah, desto glücklicher war sie.

   Doch schon war draußen das Knirschen von Kieseln zu hören, als Onkel Vernon den Wagen in die
   Einfahrt zurücksetzte, dann das "Klonk" der Wagentüren und schließlich Schritte auf dem
   Gartenweg.

   "An die Tür!", zischte Tante Petunia.

   Mit einem Gefühl im Magen, als würde die Welt untergehen, öffnete Harry die Tür.

   Auf der Schwelle stand Tante Magda. Sie war Onkel Vernon sehr ähnlich mit ihrem großen,
   fleischigen, purpurroten Gesicht. Sie hatte sogar einen Schnurrbart, auch wenn er nicht so buschig
   war wie seiner. Unter dem einem Arm trug sie einen riesigen Koffer, unter dem anderen saß mit
   eingezogenem Schwanz eine alte und missgelaunte Bulldogge.

   "Wo ist denn mein Dudders?", röhrte Tante Magda. "Wo ist mein Neffilein?"

   Dudley kam den Flur entlanggewatschelt, das Blondhaar flach auf den fetten Schädel geklebt, und
   unter seinen vielen Kinnen lugte gerade noch der Zipfel einer Fliege hervor. Tante Magda wuchtete
   ihren Koffer in Harrys Magen, dass er nach Luft schnappen musste, drückte Dudley mit einem Arm
   schraubstockfest an ihr Herz und pflanzte ihm einen Kuss auf die Wange.

   Harry wusste genau, dass Dudley Tante Magdas Umarmungen nur ertrug, weil er dafür gut bezahlt
   wurde. Beim Abschied würde er eine knisternde Zwanzig-Pfund-Note in seiner fetten Faust finden.

   "Petunia!", rief Tante Magda und schritt an Harry vorbei, als wäre er ein Hutständer. Tante Magda
   und Tante Petunia küssten sich, besser gesagt ließ Tante Magda ihren massigen Kiefer gegen
   Tante Petunias hervorstehende Wangenknochen krachen.

   Onkel Vernon kam jetzt herein und schloss die Tür mit einem leutseligen Lächeln hinter sich.

   "Tee, Magda?", sagte er. "Und was dürfen wir Ripper anbieten?"

   "Ripper kann ein wenig Tee aus meiner Tasse haben", sagte Tante Magda, während sie sich in die
   Küche begaben und Harry im Flur mit dem Koffer allein ließen. Doch Harry beklagte sich nicht; jede
   Ausrede, nicht mit Tante Magda zusammen sein zu müssen, war ihm recht, und als hätte er alle
   Zeit der Welt, hievte er den Koffer die Treppe empor.

   Als er in die Küche zurückkam, war Tante Magda schon mit Tee und Obstkuchen versorgt und
   Ripper schlabberte geräuschvoll in der Ecke. Harry bemerkte, wie Tante Petunia leicht die
   Mundwinkel verzog, weil Ripper ihren sauberen Boden mit Tee und Sabber bespritzte. Tante Petunia
   konnte Tiere nicht ausstehen.

   "Wer kümmert sich denn um die anderen Hunde, Magda?", fragte Onkel Vernon.

   "Ach, ich hab sie in die Obhut von Oberst Stumper gegeben", strahlte Tante Magda. "Er ist jetzt
   pensioniert. Ein kleiner Zeitvertreib kann ihm nicht schaden. Aber den armen alten Ripper hab ich
   nicht dalassen können. Er leidet ja so, wenn er nicht bei mir ist."

   Als Harry sich setzte, begann Ripper zu knurren.Das lenkte Tante Magdas Aufmerksamkeit zum
   ersten Mal auf Harry.

   "So!", bellte sie, "immer noch hier?"

   "Ja", sagte Harry.

   "Sag nicht in diesem unhöflichen Ton >ja<, hörst du", knurrte Tante Magda. "Verdammt gut von
   Vernon und Petunia, dich hier zu behalten. Ich hätte das nicht getan. Hätten sie dich vor meiner
   Tür ausgesetzt, wärst du sofort ins Waisenhaus gekommen."

   Harry war drauf und dran zu antworten, er würde lieber in einem Waisenhaus als bei den Dursley
   leben, doch der Gedanke an die Erlaubnis für Hogsmeade hielt ihn davon ab. Er zwang sein Gesicht
   zu einem schmerzhaften Lächeln.

   "Grins mich nicht so an!", donnerte Tante Magda. "Ich sehe, du hast dich seit unserer letzten
   Begegnung nicht gebessert. Ich hatte gehofft, in der Schule würden sie dir ein paar Manieren
   einprügeln." Sie nahm einen kräftigen Schluck Tee, wischte sich den Schnurrbart und sagte: "Wo
   schickst du ihn nochmal hin, Vernon?"

   "Nach St. Brutus", antwortete Onkel Vernon prompt. "Erstklassige Anstalt für hoffnungslose Fälle."

   "Verstehe", sagte Tante Magda. "Machen sie in St. Brutus auch vom Rohrstock Gebrauch,
   Bursche?", blaffte sie über den Tisch.

   "Ähm - " Onkel Vernon nickte hinter Tante Magdas Rücken.

   "Ja", sagte Harry. Wenn schon, denn schon, überlegte er dann, und fügte hinzu: "Tagein, tagaus".

   "Vortrefflich", sagte Tante Magda. "Dieses windelweiche Wischiwaschi, dass man Leute nicht
   schlagen solle, die es doch verdienen, kann ich nicht vertragen. In neunzig von hundert Fällen hilft
   eine gute Tracht Prügel. Hat man dich oft geschlagen?"

   "O ja", sagte Harry, "viele Male."

   Tante Magda verengte die Augen zu Schlitzen.

   "Dein Ton gefällt mir immer noch nicht, Bürschchen", sagte sie. "Wenn du so lässig von deinen
   Hieben reden kannst, dann schlagen sie offenbar nicht hart genug zu. Petunia, wenn ich du wäre,
   würde ich dort hinschreiben. Mach ihnen klar, dass du im Falle dieses Jungen den Einsatz äußerster
   Gewalt gutheißt."

   Vielleicht machte sich Onkel Vernon Sorgen, Harry könnte die Abmachung vergessen haben;
   jedenfalls wechselte er abrupt das Thema.

   "Schon die Nachrichten gehört heute Morgen, Magda? Was sagst du zu der Geschichte mit diesem
   Ausbrecher?"

   Während sich Tante Magda allmählich häuslich einrichtete, erwischte sich Harry bei fast
   sehnsüchtigen Gedanken an das Leben in Nummer vier ohne sie. Onkel Vernon und Tante Petunia
   gaben sich meist damit zufrieden, wenn Harry ihnen aus dem Weg ging, und Harry war das nur
   recht. Tante Magda jedoch wollte Harry ständig im Auge behalten, so dass sie Vorschläge für die
   Besserung seines Betragens zum Besten geben konnte. Vorzugsweise verglich sie Harry mit Dudley
   und kaufte Dudley teure Geschenke, während sie Harry tückisch anstarrte, als wollte sie ihn
   herausfordern zu fragen, warum er nicht auch ein Geschenk bekomme. Auch ließ sie ständig
   Mutmaßungen fallen, aus welchem Grund wohl Harry zu einer dermaßen unzulänglichen Person
   geworden sei.

   "Du musst dir keinen Vorwurf machen, weil der Junge so geworden ist, Vernon", sagte sie am
   dritten Tag beim Mittagessen. "Wenn im Innern etwas Verdorbenes steckt, kann kein Mensch
   etwas dagegen machen."

   Harry versuchte sich auf das Essen zu konzentrieren, doch seine Hände zitterten und sein Gesicht
   fing an vor Zorn zu brennen. Denk an die Erlaubnis, mahnte er sich selbst. Denk an Hogsmeade.
   Sag nichts. Steh nicht auf - Tante Magda griff nach ihrem Weinglas.

   "Das ist eine Grundregel der Zucht", sagte sie. "Bei Hunden kann man es immer wieder beobachten.
   Wenn etwas mit der Hündin nicht sitmmt, wird auch mit den Welp -"

   diesem Augenblick explodierte das Weinglas in Tante Magdas Hand. Scherben stoben in alle
   Richtungen davon und Tante Magda prustete und blinzelte und von ihrem großen geröteten Gesicht
   tropfte der Wein.

   "Magda!", kreischte Tante Petunia. "Magda, hast du dir was getan?"

   "Keine Sorge", grunzte Tante Magda und wischte sich mit der Serviette das Gesicht. "Muss es wohl
   zu fest gedrückt haben. Ist mir letztens auch bei Oberst Stumper passiert. Kein Grund zur
   Aufregung, Petunia, ich hab einen ziemlich festen Griff -"

   Doch Tante Petunia und Onkel Vernon sahen Harry misstrauisch an, und so beschloss er den
   Nachtisch lieber wegzulassen und der Tischrunde sobald wie möglich zu entfliehen.

   Draußen im Flur lehnte er sich gegen die Wand und atmete tief durch. Es war schon lange her, dass
   er die Beherrschung verloren und etwas hatte explodieren lassen. Das durfte ihm auf keinen Fall
   nochmal passieren. Die Erlaubnis für Hogsmeade war nicht das Einzige, was auf dem Spiel stand -
   wenn er so weitermachte, würde er auch noch Schwierigkeiten mit dem Zaubereiministerium
   kriegen.

   Harry war immer noch ein minderjähriger Zauberer und es war ihm nach dem Zauberergesetz
   verboten, außerhalb der Schule zu zaubern. Er hatte zudem keine ganz weiße Weste. Erst letzten
   Sommer hatte er eine offizielle Verwarnung bekommen, in der es klar und deutlich hieß, falls das
   Ministerium noch einmal von Zauberei im Ligusterweg Wind bekäme, würde ihm der Schulverweis
   von Hogwarts drohen.

   Er hörte die Dursleys aufstehen und verschwand rasch nach oben.

   Die nächsten Tage überstand Harry, indem er sich zwang, an sein Do-it-yourself-Handbuch zur
   Besenpflege zu denken, wann immer Tante Magda es auf ihn anlegte. Das klappte ganz gut, auch
   wenn sein Blick dabei offenbar etwas glasig wurde, denn Tante Magda begann die Meinung zu
   äußern, er sei geistig unterbelichtet.

   Endlich, nach einer Ewigkeit, brach der letzte Abend von Tante Magdas Aufenthalt an. Tante
   Petunia kochte ein schickes Essen und Onkel Vernon entkorkte mehrere Flaschen Wein. Sie
   schafften es immerhin durch die Suppe und den Lachs, ohne Harrys Charaktermängel auch nur mit
   einem Wort zu erwähnen; bei der Zitronen-Meringe-Torte langweilte Onkel Vernon alle mit einem
   langen Vortrag über Grunnings, seine Bohrerfirma. Dann kochte Tante Petunia Kaffee und Onkel
   Vernon stellte eine Flasche Kognak auf den Tisch.

   "Ein Schlückchen, Magda?"

   Tante Magda hatte dem Wein bereits ausgiebig zugesprochen. Ihr riesiges Gesicht war puterrot.

   "Aber nur ein winziges, bitte", kicherte sie. "Noch ein wenig - und noch ein bisschen - so ist es
   fein."

   Dudley verspeiste sein viertes Stück Torte. Tante Petunia schlürfte mit abgespreiztem kleinen
   Finger an ihrem Kaffee. Harry wollte sich eigentlich in sein Zimmer verziehen, doch als er in Onkel
   Vernons zornige kleine Augen blickte, wusste er, dass er es aussitzen musste.

   "Aah", sagte Tante Magda, stellte das leere Glas auf den Tisch und leckte sich die Lippen.

   "Ausgezeichneter Schmaus, Petunia. Normalerweise wärm ich mir abends nur was auf, wo ich mich
   doch um zwölf Hunde kümmern muss... " Sie rülpste herzhaft und tätschelte ihren runden
   tweedbedeckten Bauch. "Verzeihung. Aber ich für meinen Teil sehe gern einen Jungen, der gut
   beieinander ist", fuhr sie fort und zwinkerte Dudley zu. "Du wirst sicher mal ein stattlicher Mann,
   Dudders, wie dein Vater. Ja, danke, Vernon, noch ein winziges Schlückchen Kognak ... "

   "Aber der da -"

   Sie ruckte mit dem Kopf in Richtung Harry, dessen Magen sich verkrampfte.

   Das Handbuch, dachte er rasch.

   "Der da hat ein fieses, zwergenhaftes Aussehen. Das sieht man auch bei Hunden. Letztes Jahr hab
   ich Oberst Stumper einen ertränken lassen. Rattiges kleines Ding. Schwach. Unterzüchtet."

   Harry versuchte sich Seite zwölf seines Buches in Erinnerung zu rufen: Ein Zauber zur Kur
   widerstrebender Wiedergänger.

   "Alles eine Frage des Blutes, sag ich immer. Schlechtes Blut zeigt sich einfach. Nun, ich will nichts
   gegen eure Familie sagen, Petunia -", sie tätschelte Tante Petunias Hand mit ihrer eigenen
   schaufelgroßen, " - aber deine Schwester war ein faules Ei. Kommt in den besten Familien vor.
   Dann ist sie mit diesem Taugenichts abgehauen und was dabei herauskam, sitzt hier vor uns."

   Harry starrte auf seinen Teller, ein merkwürdiges Klingeln in den Ohren. Packen Sie ihren Besen fest
   am Schweif, dachte er. Doch er wusste nicht mehr, was dann kam. Tante Magda schien in ihn
   hineinzubohren wie einer von Onkel Vernons Bohrern.

   "Dieser Potter", sagte Tante Magda laut, griff sich die Flasche und schüttete Kognak in ihr Glas und
   auf das Tischtuch, "ihr habt mir nie gesagt, was er beruflich gemacht hat!"

   Onkel Vernon und Tante Petunia schienen auf glühenden Kohlen zu sitzen. Sogar Dudley hatte den
   Blick von der Torte erhoben und starrte seine Eltern an.

   "Er - er hat nicht gearbeitet", sagte Onkel Vernon und warf Harry einen kurzen Blick zu. "War
   arbeitslos."

   "Das hab ich mir gedacht!", sagte Tante Magda, nahm einen gewaltigen Schluck Kognak und
   wischte sich mit dem Ärmel das Kinn. "Ein bedeutungsloser Nichtsnutz, ein fauler Rumtreiber, der -"

   "War er nicht", sagte Harry plötzlich. Am Tisch trat jähe Stille ein. Harry zitterte am ganzen Körper.
   Noch nie war er so zornig gewesen.

   "NOCH KOGNAK!", schrie Onkel Vernon, der käseweiß geworden war. Er schüttete den Rest der
   Flasche in Tante Magdas Glas.

   "Und du, Bursche", fauchte er Harry an, "du gehst zu Bett, verschwinde -"

   "Nein, Vernon", hickste Tante Magda mit erhobener Hand, während sie ihre kleinen,
   blutunterlaufenen Augen fest auf Harry richtete. "Sprich weiter, Bürschchen, nur weiter. Stolz auf
   deine Eltern, nicht wahr? Da gehen die doch einfach hin und lassen sich bei einem Autounfall
   umbringen, betrunken, nehm ich an -"

   "Sie sind nicht bei einem Autounfall gestorben!", sagte Harry, der plötzlich auf den Füßen stand.

   "Sind sie sehr wohl, du frecher kleiner Lügner, und sie haben dich zurückgelassen als Last für ihre
   anständigen, hart arbeitenden Verwandten!", schrie Tante Magda, und vor Zorn anschwoll. "Du bist
   ein unverschämter, undankbarer kleiner -"

   Doch Tante Magda verstummte plötzlich. Einen Moment lang sah es so aus, als fehlten ihr die
   Worte. Sie schien vor unsäglicher Wut anzuschwellen - doch es nahm kein Ende. Ihr großes rotes
   Gesicht dehnte sich aus, die winzigen Augen traten hervor und der Mund war so fest gespannt,
   dass sie nicht mehr sprechen konnte - und jetzt rissen einige Knöpfe von ihrer Tweedjacke und
   spritzten gegen die Wände - sie schwoll an wie ein monströser Ballon, ihr Bauch platzte jetzt durch
   ihren Tweedbund, jeder einzelne Finger blähte sich zu Salamigröße auf -

   "MAGDA", schrien Onkel Vernon und Tante Petunia wie aus einem Munde, als Tante Magdas ganzer
   Körper vom Stuhl abhob und hoch zur Decke schwebte. Sie war jetzt kugelrund, wie ein riesiger
   Wasserball mit Schweinchenaugen, Hände und Füße stachen merkwürdig ab, während sie unter
   Würgen und Puffen in die Höhe schwebte. Ripper kam ins Zimmer gewatschelt und fing an wie
   verrückt zu bellen.

   "NEEEEEEEIIIN!"

   Onkel Vernon packte Magda an einem Fuß und versuchte sie herunterzuziehen, doch er selbst hob
   beinahe vom Boden ab. Im nächsten Augenblick machte Ripper einen Satz und versenkte die Zähne
   in Onkel Vernons Bein.

   Harry verschwand aus dem Esszimmer, bevor ihn jemand aufhalten konnte, und rannte zum Schrank
   unter der Treppe. Die Schranktür sprang von Zauberhand auf, als er sich näherte. Im
   Handumdrehen hatte er seinen großen Reisekoffer zur Haustür geschleift. Er sprintete die Treppe
   hoch, hechtete unter das Bett, riss das lose Dielenbrett heraus und griff sich den Kissenüberzug
   mit seinen Büchern und Geschenken. Er kroch unter dem Bett hervor, packte Hedwigs leeren Käfig
   und stürzte die Treppe hinunter zu seinem Koffer, gerade als Onkel Vernon, die Hose in blutige
   Fetzen gerissen, aus dem Esszimmer platzte.

   "KOMM ZURÜCK!", bellte er, "KOMM REIN UND BRING SIE WIEDER IN ORDNUNG!"

   Doch Harry hatte ein rücksichtsloser Zorn überwältigt. Er stieß den Kofferdeckel auf, zog seinen
   Zauberstab heraus und richtete ihn auf Onkel Vernon.

   "Sie hat es verdient", sagte er nach Atem ringend, "sie hat verdient, was sie bekommen hat. Und
   du bleibst mir vom Hals."

   Er langte hinter sich und fummelte an der Türkette.

   "Ich gehe", sagte Harry. "Mir reicht's."

   Und schon war er draußen auf der dunklen, stillen Straße; mit Hedwigs Käfig unter dem Arm
   schleifte er mit dem andern den Koffer hinter sich her.

   J. K. Rowling
   Harry Potter und der Gefangene von Askaban

                                                         Aus dem Englischen von Klaus Fritz
                                                                    Alle deutschen Rechte
                                                        © 1999 bei Carlsen Verlag, Hamburg
                                               Wir danken für die Genehmigung zum Abdruck.
 
 
 
 

                                                                                        Harry Potter und der Gefangene von
                                                                                        Askaban
                                                                                        Sofort lieferbar.
                                                                                        Rowling, Joanne K. | | CARLSEN | 1999
                                                                                        Preis:   30,00 DM
                                                                                        mehr...
 
 
 
 
 
 

   Tante Magdas großer Fehler
 
 
 

   Als Harry am nächsten Morgen zum Frühstück hinunterging, saßen die drei Dursleys schon am
   Küchentisch. Sie starrten auf den Bildschirm eines brandneuen Fernsehers, eines
   Willkommen-in-den-Ferien-Geschenks für Dudley, der sich fortwährend lauthals über den langen
   Weg zwischen dem Kühlschrank und dem Fernseher im Wohnzimmer beschwert hatte. Dudley hatte
   den größten Teil des Sommers in der Küche verbracht, die kleinen Schweinchenaugen wie auf den
   Bildschirm geklebt und mit wabbelndem fünflagigen Kinn ununterbrochen kauend.

   Harry setzte sich zwischen Dudley und Onkel Vernon, einem großen, fleischigen Mann mit sehr
   wenig Hals und einer Menge Schnauzbart. Keiner der Dursleys nahm Notiz davon, dass Harry in die
   Küche gekommen war, geschweige denn, dass ihm einer zum Geburtstag gratuliert hätte. Er nahm
   sich eine Scheibe Toast und sah hoch zum Fernseher, wo der Nachrichtensprecher gerade von
   einem Ausbrecher berichtete ...

   "... die Polizei warnt die Bevölkerung. Black ist bewaffnet und äußerst gefährlich. Eine eigene
   Notrufnummer wurde eingerichtet und jeder Hinweis auf Black sollte umgehend gemeldet werden."

   "Dass der ein Verbrecher ist, brauchen sie uns nicht erst zu sagen", schnarrte Onkel Vernon und
   starrte über seine Zeitung hinweg auf das Bild des Flüchtigen. "Seht euch mal an, wie der aussieht,
   ein dreckiger Rumtreiber! Und diese Haare!"

   Er warf Harry einen gehässigen Seitenblick zu, dessen strubbeliges Haar ihn immer von neuem
   ärgerte. Verglichen mit dem Mann im Fernsehen jedoch, dessen ausgemergeltes Gesicht umwuchert
   war von verfilztem, ellbogenlangem Gestrüpp, kam sich Harry durchaus gepflegt vor.

   Wieder erschien der Nachrichtensprecher.

   "Das Landwirtschafts- und Fischereiministerium gibt heute bekannt, dass -"

   "Ist doch nicht zu fassen!", bellte Onkel Vernon und starrte den Sprecher wütend an, "du hast uns
   nicht gesagt, wo dieser Verrückte ausgebrochen ist! Was soll das? Der Wahnsinnige könnte doch
   jeden Augenblick die Straße entlangkommen!"

   Tante Petunia, knochig und pferdegesichtig, wirbelte herum und schaute konzentriert aus dem
   Küchenfenster. Harry wusste, dass Tante Petunia nichts lieber tun würde, als den Notruf
   anzuläuten. Sie war die neugierigste Frau der Welt und verbrachte den größten Teil ihres Lebens
   damit, die langweiligen, gesetzestreuen Nachbarn auszukundschaften.

   "Wann werden die es endlich kapieren", sagte Onkel Vernon und schlug mit seiner großen
   purpurroten Faust auf den Tisch, "dass Aufknüpfen das einzige Rezept gegen solches Pack ist?"

   "Wie wahr", sagte Tante Petunia, die immer noch die Bohnenstangen nebenan taxierte.

   Onkel Vernon nahm den letzten Schluck aus seiner Teetasse, warf einen Blick auf die Uhr und fügte
   hinzu: "Am besten, ich geh gleich, Petunia, Magdas Zug kommt um zehn an."

   Harry, in Gedanken eben noch oben bei seinem Besenpflege-Set, fiel schmerzhaft aus allen Wolken.

   "Tante Magda?", sprudelte es aus ihm heraus. "D-die - die kommt doch nicht etwa zu uns?"

   Tante Magda war Onkel Vernons Schwester. Zwar war sie keine Blutsverwandte von Harry (dessen
   Mutter Tante Petunias Schwester gewesen war), doch man hatte ihn gezwungen, sie die ganze
   Zeit "Tante" zu nennen. Tante Magda lebte auf dem Land, in einem Haus mit großem Garten, wo sie
   Bulldoggen züchtete. Sie kam nur selten in den Ligusterweg, weil sie es nicht übers Herz brachte,
   ihre wertvollen Hunde allein zu lassen, doch jeden ihrer Besuche hatte Harry in schrecklich
   lebendiger Erinnerung.

   Beim Fest zu Dudleys fünftem Geburtstag hatte Tante Magda Harry mit ihrem Gehstock auf die
   Schienbeine gehauen, damit er Dudley nicht mehr beim Bäumchen-wechsel-dich-Spiel schlug. Ein
   paar Jahre später war sie zu Weihnachten mit einem funkgesteuerten Senkrechtstarter für Dudley
   und einem Karton Hundekuchen für Harry aufgetaucht. Bei ihrem letzten Besuch war Harry
   versehentlich ihrem Lieblingshund auf den Schwanz getreten. Ripper hatte Harry hinaus in den
   Garten und einen Baum hoch gejagt und Tante Magda hatte sich bis nach Mitternacht geweigert,
   ihn zurückzupfeifen. Wenn Dudley sich daran erinnerte, brach er vor Lachen immer noch in Tränen
   aus.

   "Magda wird eine Woche bleiben", schnarrte Onkel Vernon, "und wenn wir schon beim Thema sind" -
   er deutete mit einem fetten Finger drohend auf Harry - "sollten wir einiges klarstellen, bevor ich sie
   abholen gehe."

   Dudley grinste hämisch und wandte den Blick von der Mattscheibe ab. Sein liebster Zeitvertreib
   war, zu beobachten, wie Harry von Onkel Vernon schikaniert wurde.

   "Erstens", knurrte Onkel Vernon, "hältst du deine Zunge im Zaum, wenn du mit Magda sprichst."

   "Gut", sagte Harry bitter, "wenn sie es auch tut."

   "Zweitens", sagte Onkel Vernon und tat so, als hätte er Harrys Antwort nicht gehört, "da Magda
   nichts von deiner Abnormität weiß, will ich nicht, dass irgendwas Komisches passiert, während sie
   hier ist. Du benimmst dich, verstanden?"

   "Wenn sie es auch tut", sagte Harry zähneknirschend.

   "Und drittens", sagte Onkel Vernon, die gemeinen kleinen Augen waren jetzt Schlitze in seinem
   großen purpurnen Gesicht, "haben wir Magda gesagt, du würdest das
   St.-Brutus-Sicherheitszentrum für unheilbar Kriminelle Jungen besuchen."

   "Was?", schrie Harry.

   "Und du bleibst bei dieser Geschichte, Bursche, oder du kriegst Schwierigkeiten", fauchte Onkel
   Vernon.

   Zornig und mit bleichem Gesicht starrte Harry Onkel Vernon an. Er konnte es nicht fassen. Tante
   Magda kam für eine Woche zu Besuch - das war das furchtbarste Geburtstagsgeschenk, das er je
   von den Dursleys bekommen hatte, verglichen selbst mit Onkel Vernons alten Socken.

   "Nun, Petunia", sagte Onkel Vernon und erhob sich schnaufend, "ich fahre jetzt zum Bahnhof. Kleine
   Ausfahrt gefällig, Dudders?"

   "Nein", sagte Dudley, der seine Aufmerksamkeit jetzt, da Onkel Vernon aufgehört hatte, Harry zu
   tyrannisieren, wieder dem Fernseher zugewandt hatte.

   "Diddy muss sich für Tantchen fein herausputzen", sagte Tante Petunia und strich über Dudleys
   dichtes Blondhaar. "Mamchen hat ihm eine wunderschöne neue Fliege gekauft."

   Onkel Vernon klopfte Dudley auf die fette Schulter.

   "Also bis gleich", sagte er ging hinaus.

   Harry, der in eine Art grauenerfüllte Trance versunken war, fiel plötzlich etwas ein. Er ließ seinen
   Toast liegen, stand rasch auf und folgte Onkel Vernon zur Haustür.

   Onkel Vernon zog seinen Mantel an.

   " Dich nehm ich nicht mit", schnarrte er, als er sich umwandte und Harry erblickte.

   "Will ich auch nicht", sagte Harry kühl. "Ich möchte dich was fragen."

   Onkel Vernon beäugte ihn misstrauisch.

   "Drittklässler in Hog..., auf meiner Schule dürfen hin und wieder ins Dorf", sagte Harry.

   "Ach?", blaffte Onkel Vernon und nahm die Wagenschlüssel vom Haken neben der Tür.

   Rasch setzte Harry nach. "Du musst die Einverständniserklärung für mich unterschreiben", sagte er.

   "Und warum sollte ich das tun?", höhnte Onkel Vernon.

   "Nun ja", sagte Harry und wog sorgfältig seine Worte ab, "es wird ein hartes Stück Arbeit sein,
   gegenüber Tante Magda so zu tun, als ob ich in dieses St. Wasweißich ginge - "

   "St.-Brutus-Sicherheitszentrum für unheilbar Kriminelle Jungen!", bellte Onkel Vernon, und Harry
   freute sich, einen deutlichen Anflug von Panik in seiner Stimme zu hören.

   "Genau", sage Harry und sah gelassen hoch in Onkel Vernons großes, rotes Gesicht. "Ich muss mir
   eine Menge merken. Außerdem soll es sich ja überzeugend anhören, oder? Was, wenn mir aus
   Versehen etwas rausrutscht?"

   "Dann prügle ich dir die Innereien raus!", polterte Onkel Vernon und trat mit erhobener Faust auf
   Harry zu. Doch Harry ließ nicht locker. "Die Innereien aus mir herauszuprügeln wird Tante Magda
   auch nicht vergessen lassen, was ich ihr gesagt haben könnte", sagte er verbissen.

   Onkel Vernon, die Faust immer noch erhoben, erstarrte. Sein Gesicht hatte ein hässliches Braunrot
   angenommen.

   "Aber wenn du meine Einverständniserklärung unterschreibst", fuhr Harry rasch fort, "schwöre ich,
   dass ich nicht vergesse, wo ich angeblich zur Schule gehe, und ich führe mich auf wie ein Mug...,
   als ob ich normal und alles wäre."

   Harry entging nicht, dass Onkel Vernon noch einmal über die Sache nachdachte, auch wenn er die
   Zähne gefletscht hatte und eine Vene auf seiner Schläfe pochte.

   "Schön", blaffte er endlich. "Ich werde dein Verhalten während Tante Magdas Besuch scharf
   überwachen. Wenn du am Ende nicht die Grenze überschritten hast und bei der Geschichte
   geblieben bist, unterschreibe ich dein beklopptes Formular."

   Abrupt drehte er sich um, öffnete die Haustür und schlug sie mit solcher Wucht hinter sich zu, dass
   eine der kleinen Glasscheiben am oberen Türrand herausfiel.

   Harry kehrte nicht in die Küche zurück. Er ging nach oben in sein Zimmer. Wenn er sich wie ein
   echter Muggel aufführen musste, dann fing er am besten gleich damit an. Widerwillig und traurig
   sammelte er all seine Geschenke und Geburtstagskarten ein und versteckte sie unter dem losen
   Dielenbrett, zusammen mit seinen Hausaufgaben. Dann ging er hinüber zu Hedwigs Käfig. Errol hatte
   sich offenbar erholt; er und Hedwig schliefen mit den Köpfen unter den Flügeln. Harry seufzte und
   stupste sie beide wach.

   "Hedwig", sagte er niedergeschlagen, "du musst für eine Woche verschwinden. Flieg mit Errol, Ron
   wird sich um dich kümmern. Ich geb dir eine Nachricht für ihn mit. Und schau mich nicht so an" -
   Hedwigs große, bersteinfarbene Augen blickten vorwurfsvoll - "es ist nicht meine Schuld. Das ist die
   einzige Möglichkeit, die Erlaubnis zu kriegen, mit Ron und Hermine nach Hogsmeade zu gehen."

   Zehn Minuten später flatterten Errol und Hedwig (der Harry einen Zettel für Ron ans Bein gebunden
   hatte) aus dem Fenster und waren bald auf und davon. Harry, dem nun ganz und gar elend war,
   räumte den leeren Käfig in den Schrank.

   Doch er hatte nicht lange Zeit zum Grübeln. Schon kreischte Tante Petunia unten am Fuß der
   Treppe, Harry solle herunterkommen und sich bereit machen, den Gast zu begrüßen.

   "Mach was mit deinen Haaren", schnappte Tante Petunia, als er im Flur ankam.

   Harry sah nicht ein, warum er versuchen sollte, sein Haar glatt zu kämmen. Tante Petunia krittelte
   doch liebend gern an ihm herum, und je zerzauster er aussah, desto glücklicher war sie.

   Doch schon war draußen das Knirschen von Kieseln zu hören, als Onkel Vernon den Wagen in die
   Einfahrt zurücksetzte, dann das "Klonk" der Wagentüren und schließlich Schritte auf dem
   Gartenweg.

   "An die Tür!", zischte Tante Petunia.

   Mit einem Gefühl im Magen, als würde die Welt untergehen, öffnete Harry die Tür.

   Auf der Schwelle stand Tante Magda. Sie war Onkel Vernon sehr ähnlich mit ihrem großen,
   fleischigen, purpurroten Gesicht. Sie hatte sogar einen Schnurrbart, auch wenn er nicht so buschig
   war wie seiner. Unter dem einem Arm trug sie einen riesigen Koffer, unter dem anderen saß mit
   eingezogenem Schwanz eine alte und missgelaunte Bulldogge.

   "Wo ist denn mein Dudders?", röhrte Tante Magda. "Wo ist mein Neffilein?"

   Dudley kam den Flur entlanggewatschelt, das Blondhaar flach auf den fetten Schädel geklebt, und
   unter seinen vielen Kinnen lugte gerade noch der Zipfel einer Fliege hervor. Tante Magda wuchtete
   ihren Koffer in Harrys Magen, dass er nach Luft schnappen musste, drückte Dudley mit einem Arm
   schraubstockfest an ihr Herz und pflanzte ihm einen Kuss auf die Wange.

   Harry wusste genau, dass Dudley Tante Magdas Umarmungen nur ertrug, weil er dafür gut bezahlt
   wurde. Beim Abschied würde er eine knisternde Zwanzig-Pfund-Note in seiner fetten Faust finden.

   "Petunia!", rief Tante Magda und schritt an Harry vorbei, als wäre er ein Hutständer. Tante Magda
   und Tante Petunia küssten sich, besser gesagt ließ Tante Magda ihren massigen Kiefer gegen
   Tante Petunias hervorstehende Wangenknochen krachen.

   Onkel Vernon kam jetzt herein und schloss die Tür mit einem leutseligen Lächeln hinter sich.

   "Tee, Magda?", sagte er. "Und was dürfen wir Ripper anbieten?"

   "Ripper kann ein wenig Tee aus meiner Tasse haben", sagte Tante Magda, während sie sich in die
   Küche begaben und Harry im Flur mit dem Koffer allein ließen. Doch Harry beklagte sich nicht; jede
   Ausrede, nicht mit Tante Magda zusammen sein zu müssen, war ihm recht, und als hätte er alle
   Zeit der Welt, hievte er den Koffer die Treppe empor.

   Als er in die Küche zurückkam, war Tante Magda schon mit Tee und Obstkuchen versorgt und
   Ripper schlabberte geräuschvoll in der Ecke. Harry bemerkte, wie Tante Petunia leicht die
   Mundwinkel verzog, weil Ripper ihren sauberen Boden mit Tee und Sabber bespritzte. Tante Petunia
   konnte Tiere nicht ausstehen.

   "Wer kümmert sich denn um die anderen Hunde, Magda?", fragte Onkel Vernon.

   "Ach, ich hab sie in die Obhut von Oberst Stumper gegeben", strahlte Tante Magda. "Er ist jetzt
   pensioniert. Ein kleiner Zeitvertreib kann ihm nicht schaden. Aber den armen alten Ripper hab ich
   nicht dalassen können. Er leidet ja so, wenn er nicht bei mir ist."

   Als Harry sich setzte, begann Ripper zu knurren.Das lenkte Tante Magdas Aufmerksamkeit zum
   ersten Mal auf Harry.

   "So!", bellte sie, "immer noch hier?"

   "Ja", sagte Harry.

   "Sag nicht in diesem unhöflichen Ton >ja<, hörst du", knurrte Tante Magda. "Verdammt gut von
   Vernon und Petunia, dich hier zu behalten. Ich hätte das nicht getan. Hätten sie dich vor meiner
   Tür ausgesetzt, wärst du sofort ins Waisenhaus gekommen."

   Harry war drauf und dran zu antworten, er würde lieber in einem Waisenhaus als bei den Dursley
   leben, doch der Gedanke an die Erlaubnis für Hogsmeade hielt ihn davon ab. Er zwang sein Gesicht
   zu einem schmerzhaften Lächeln.

   "Grins mich nicht so an!", donnerte Tante Magda. "Ich sehe, du hast dich seit unserer letzten
   Begegnung nicht gebessert. Ich hatte gehofft, in der Schule würden sie dir ein paar Manieren
   einprügeln." Sie nahm einen kräftigen Schluck Tee, wischte sich den Schnurrbart und sagte: "Wo
   schickst du ihn nochmal hin, Vernon?"

   "Nach St. Brutus", antwortete Onkel Vernon prompt. "Erstklassige Anstalt für hoffnungslose Fälle."

   "Verstehe", sagte Tante Magda. "Machen sie in St. Brutus auch vom Rohrstock Gebrauch,
   Bursche?", blaffte sie über den Tisch.

   "Ähm - " Onkel Vernon nickte hinter Tante Magdas Rücken.

   "Ja", sagte Harry. Wenn schon, denn schon, überlegte er dann, und fügte hinzu: "Tagein, tagaus".

   "Vortrefflich", sagte Tante Magda. "Dieses windelweiche Wischiwaschi, dass man Leute nicht
   schlagen solle, die es doch verdienen, kann ich nicht vertragen. In neunzig von hundert Fällen hilft
   eine gute Tracht Prügel. Hat man dich oft geschlagen?"

   "O ja", sagte Harry, "viele Male."

   Tante Magda verengte die Augen zu Schlitzen.

   "Dein Ton gefällt mir immer noch nicht, Bürschchen", sagte sie. "Wenn du so lässig von deinen
   Hieben reden kannst, dann schlagen sie offenbar nicht hart genug zu. Petunia, wenn ich du wäre,
   würde ich dort hinschreiben. Mach ihnen klar, dass du im Falle dieses Jungen den Einsatz äußerster
   Gewalt gutheißt."

   Vielleicht machte sich Onkel Vernon Sorgen, Harry könnte die Abmachung vergessen haben;
   jedenfalls wechselte er abrupt das Thema.

   "Schon die Nachrichten gehört heute Morgen, Magda? Was sagst du zu der Geschichte mit diesem
   Ausbrecher?"

   Während sich Tante Magda allmählich häuslich einrichtete, erwischte sich Harry bei fast
   sehnsüchtigen Gedanken an das Leben in Nummer vier ohne sie. Onkel Vernon und Tante Petunia
   gaben sich meist damit zufrieden, wenn Harry ihnen aus dem Weg ging, und Harry war das nur
   recht. Tante Magda jedoch wollte Harry ständig im Auge behalten, so dass sie Vorschläge für die
   Besserung seines Betragens zum Besten geben konnte. Vorzugsweise verglich sie Harry mit Dudley
   und kaufte Dudley teure Geschenke, während sie Harry tückisch anstarrte, als wollte sie ihn
   herausfordern zu fragen, warum er nicht auch ein Geschenk bekomme. Auch ließ sie ständig
   Mutmaßungen fallen, aus welchem Grund wohl Harry zu einer dermaßen unzulänglichen Person
   geworden sei.

   "Du musst dir keinen Vorwurf machen, weil der Junge so geworden ist, Vernon", sagte sie am
   dritten Tag beim Mittagessen. "Wenn im Innern etwas Verdorbenes steckt, kann kein Mensch
   etwas dagegen machen."

   Harry versuchte sich auf das Essen zu konzentrieren, doch seine Hände zitterten und sein Gesicht
   fing an vor Zorn zu brennen. Denk an die Erlaubnis, mahnte er sich selbst. Denk an Hogsmeade.
   Sag nichts. Steh nicht auf - Tante Magda griff nach ihrem Weinglas.

   "Das ist eine Grundregel der Zucht", sagte sie. "Bei Hunden kann man es immer wieder beobachten.
   Wenn etwas mit der Hündin nicht sitmmt, wird auch mit den Welp -"

   diesem Augenblick explodierte das Weinglas in Tante Magdas Hand. Scherben stoben in alle
   Richtungen davon und Tante Magda prustete und blinzelte und von ihrem großen geröteten Gesicht
   tropfte der Wein.

   "Magda!", kreischte Tante Petunia. "Magda, hast du dir was getan?"

   "Keine Sorge", grunzte Tante Magda und wischte sich mit der Serviette das Gesicht. "Muss es wohl
   zu fest gedrückt haben. Ist mir letztens auch bei Oberst Stumper passiert. Kein Grund zur
   Aufregung, Petunia, ich hab einen ziemlich festen Griff -"

   Doch Tante Petunia und Onkel Vernon sahen Harry misstrauisch an, und so beschloss er den
   Nachtisch lieber wegzulassen und der Tischrunde sobald wie möglich zu entfliehen.

   Draußen im Flur lehnte er sich gegen die Wand und atmete tief durch. Es war schon lange her, dass
   er die Beherrschung verloren und etwas hatte explodieren lassen. Das durfte ihm auf keinen Fall
   nochmal passieren. Die Erlaubnis für Hogsmeade war nicht das Einzige, was auf dem Spiel stand -
   wenn er so weitermachte, würde er auch noch Schwierigkeiten mit dem Zaubereiministerium
   kriegen.

   Harry war immer noch ein minderjähriger Zauberer und es war ihm nach dem Zauberergesetz
   verboten, außerhalb der Schule zu zaubern. Er hatte zudem keine ganz weiße Weste. Erst letzten
   Sommer hatte er eine offizielle Verwarnung bekommen, in der es klar und deutlich hieß, falls das
   Ministerium noch einmal von Zauberei im Ligusterweg Wind bekäme, würde ihm der Schulverweis
   von Hogwarts drohen.

   Er hörte die Dursleys aufstehen und verschwand rasch nach oben.

   Die nächsten Tage überstand Harry, indem er sich zwang, an sein Do-it-yourself-Handbuch zur
   Besenpflege zu denken, wann immer Tante Magda es auf ihn anlegte. Das klappte ganz gut, auch
   wenn sein Blick dabei offenbar etwas glasig wurde, denn Tante Magda begann die Meinung zu
   äußern, er sei geistig unterbelichtet.

   Endlich, nach einer Ewigkeit, brach der letzte Abend von Tante Magdas Aufenthalt an. Tante
   Petunia kochte ein schickes Essen und Onkel Vernon entkorkte mehrere Flaschen Wein. Sie
   schafften es immerhin durch die Suppe und den Lachs, ohne Harrys Charaktermängel auch nur mit
   einem Wort zu erwähnen; bei der Zitronen-Meringe-Torte langweilte Onkel Vernon alle mit einem
   langen Vortrag über Grunnings, seine Bohrerfirma. Dann kochte Tante Petunia Kaffee und Onkel
   Vernon stellte eine Flasche Kognak auf den Tisch.

   "Ein Schlückchen, Magda?"

   Tante Magda hatte dem Wein bereits ausgiebig zugesprochen. Ihr riesiges Gesicht war puterrot.

   "Aber nur ein winziges, bitte", kicherte sie. "Noch ein wenig - und noch ein bisschen - so ist es
   fein."

   Dudley verspeiste sein viertes Stück Torte. Tante Petunia schlürfte mit abgespreiztem kleinen
   Finger an ihrem Kaffee. Harry wollte sich eigentlich in sein Zimmer verziehen, doch als er in Onkel
   Vernons zornige kleine Augen blickte, wusste er, dass er es aussitzen musste.

   "Aah", sagte Tante Magda, stellte das leere Glas auf den Tisch und leckte sich die Lippen.

   "Ausgezeichneter Schmaus, Petunia. Normalerweise wärm ich mir abends nur was auf, wo ich mich
   doch um zwölf Hunde kümmern muss... " Sie rülpste herzhaft und tätschelte ihren runden
   tweedbedeckten Bauch. "Verzeihung. Aber ich für meinen Teil sehe gern einen Jungen, der gut
   beieinander ist", fuhr sie fort und zwinkerte Dudley zu. "Du wirst sicher mal ein stattlicher Mann,
   Dudders, wie dein Vater. Ja, danke, Vernon, noch ein winziges Schlückchen Kognak ... "

   "Aber der da -"

   Sie ruckte mit dem Kopf in Richtung Harry, dessen Magen sich verkrampfte.

   Das Handbuch, dachte er rasch.

   "Der da hat ein fieses, zwergenhaftes Aussehen. Das sieht man auch bei Hunden. Letztes Jahr hab
   ich Oberst Stumper einen ertränken lassen. Rattiges kleines Ding. Schwach. Unterzüchtet."

   Harry versuchte sich Seite zwölf seines Buches in Erinnerung zu rufen: Ein Zauber zur Kur
   widerstrebender Wiedergänger.

   "Alles eine Frage des Blutes, sag ich immer. Schlechtes Blut zeigt sich einfach. Nun, ich will nichts
   gegen eure Familie sagen, Petunia -", sie tätschelte Tante Petunias Hand mit ihrer eigenen
   schaufelgroßen, " - aber deine Schwester war ein faules Ei. Kommt in den besten Familien vor.
   Dann ist sie mit diesem Taugenichts abgehauen und was dabei herauskam, sitzt hier vor uns."

   Harry starrte auf seinen Teller, ein merkwürdiges Klingeln in den Ohren. Packen Sie ihren Besen fest
   am Schweif, dachte er. Doch er wusste nicht mehr, was dann kam. Tante Magda schien in ihn
   hineinzubohren wie einer von Onkel Vernons Bohrern.

   "Dieser Potter", sagte Tante Magda laut, griff sich die Flasche und schüttete Kognak in ihr Glas und
   auf das Tischtuch, "ihr habt mir nie gesagt, was er beruflich gemacht hat!"

   Onkel Vernon und Tante Petunia schienen auf glühenden Kohlen zu sitzen. Sogar Dudley hatte den
   Blick von der Torte erhoben und starrte seine Eltern an.

   "Er - er hat nicht gearbeitet", sagte Onkel Vernon und warf Harry einen kurzen Blick zu. "War
   arbeitslos."

   "Das hab ich mir gedacht!", sagte Tante Magda, nahm einen gewaltigen Schluck Kognak und
   wischte sich mit dem Ärmel das Kinn. "Ein bedeutungsloser Nichtsnutz, ein fauler Rumtreiber, der -"

   "War er nicht", sagte Harry plötzlich. Am Tisch trat jähe Stille ein. Harry zitterte am ganzen Körper.
   Noch nie war er so zornig gewesen.

   "NOCH KOGNAK!", schrie Onkel Vernon, der käseweiß geworden war. Er schüttete den Rest der
   Flasche in Tante Magdas Glas.

   "Und du, Bursche", fauchte er Harry an, "du gehst zu Bett, verschwinde -"

   "Nein, Vernon", hickste Tante Magda mit erhobener Hand, während sie ihre kleinen,
   blutunterlaufenen Augen fest auf Harry richtete. "Sprich weiter, Bürschchen, nur weiter. Stolz auf
   deine Eltern, nicht wahr? Da gehen die doch einfach hin und lassen sich bei einem Autounfall
   umbringen, betrunken, nehm ich an -"

   "Sie sind nicht bei einem Autounfall gestorben!", sagte Harry, der plötzlich auf den Füßen stand.

   "Sind sie sehr wohl, du frecher kleiner Lügner, und sie haben dich zurückgelassen als Last für ihre
   anständigen, hart arbeitenden Verwandten!", schrie Tante Magda, und vor Zorn anschwoll. "Du bist
   ein unverschämter, undankbarer kleiner -"

   Doch Tante Magda verstummte plötzlich. Einen Moment lang sah es so aus, als fehlten ihr die
   Worte. Sie schien vor unsäglicher Wut anzuschwellen - doch es nahm kein Ende. Ihr großes rotes
   Gesicht dehnte sich aus, die winzigen Augen traten hervor und der Mund war so fest gespannt,
   dass sie nicht mehr sprechen konnte - und jetzt rissen einige Knöpfe von ihrer Tweedjacke und
   spritzten gegen die Wände - sie schwoll an wie ein monströser Ballon, ihr Bauch platzte jetzt durch
   ihren Tweedbund, jeder einzelne Finger blähte sich zu Salamigröße auf -

   "MAGDA", schrien Onkel Vernon und Tante Petunia wie aus einem Munde, als Tante Magdas ganzer
   Körper vom Stuhl abhob und hoch zur Decke schwebte. Sie war jetzt kugelrund, wie ein riesiger
   Wasserball mit Schweinchenaugen, Hände und Füße stachen merkwürdig ab, während sie unter
   Würgen und Puffen in die Höhe schwebte. Ripper kam ins Zimmer gewatschelt und fing an wie
   verrückt zu bellen.

   "NEEEEEEEIIIN!"

   Onkel Vernon packte Magda an einem Fuß und versuchte sie herunterzuziehen, doch er selbst hob
   beinahe vom Boden ab. Im nächsten Augenblick machte Ripper einen Satz und versenkte die Zähne
   in Onkel Vernons Bein.

   Harry verschwand aus dem Esszimmer, bevor ihn jemand aufhalten konnte, und rannte zum Schrank
   unter der Treppe. Die Schranktür sprang von Zauberhand auf, als er sich näherte. Im
   Handumdrehen hatte er seinen großen Reisekoffer zur Haustür geschleift. Er sprintete die Treppe
   hoch, hechtete unter das Bett, riss das lose Dielenbrett heraus und griff sich den Kissenüberzug
   mit seinen Büchern und Geschenken. Er kroch unter dem Bett hervor, packte Hedwigs leeren Käfig
   und stürzte die Treppe hinunter zu seinem Koffer, gerade als Onkel Vernon, die Hose in blutige
   Fetzen gerissen, aus dem Esszimmer platzte.

   "KOMM ZURÜCK!", bellte er, "KOMM REIN UND BRING SIE WIEDER IN ORDNUNG!"

   Doch Harry hatte ein rücksichtsloser Zorn überwältigt. Er stieß den Kofferdeckel auf, zog seinen
   Zauberstab heraus und richtete ihn auf Onkel Vernon.

   "Sie hat es verdient", sagte er nach Atem ringend, "sie hat verdient, was sie bekommen hat. Und
   du bleibst mir vom Hals."

   Er langte hinter sich und fummelte an der Türkette.

   "Ich gehe", sagte Harry. "Mir reicht's."

   Und schon war er draußen auf der dunklen, stillen Straße; mit Hedwigs Käfig unter dem Arm
   schleifte er mit dem andern den Koffer hinter sich her.

   J. K. Rowling
   Harry Potter und der Gefangene von Askaban
 

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